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Westweg - Etappe 3: Mummelsee -> Kniebis (Vivians Wiegenlied, Teil 2)

Der Nebel, oder besser gesagt die Wolken um Dich herum verhindern den Blick in die Täler, sie lassen Dich die Umwelt nur erahnen, Du merkst, wie sehr Deine Wahrnehmung auf der Sicht beruht, wie reduziert die anderen Sinne sind. Und doch kommen die Geräusche zu Dir: Das Klatschen der Tropfen auf dem nassen Waldweg, das Knacken und Knuspern der Knospen, die gerade dabei sind, sich zu öffnen, das Plätschern des Bachs neben Dir, das Wispern und Wimmern der Bäume, das Bollern und Quietschen der Motorräder und das anschließende Wummern des Rettungshubschraubers.

Und wenn Du ganz genau hinhörst, dann kannst Du sogar das Rammeln des Borkenkäfers in seiner Rammelstube hören. Über allem, als konstante Begleitung, der Gesang und Streit der Amseln. Hin und wieder das charakteristische KRI KRI des Schwarzspechts, der sich durch Dich in seiner Ruhe gestört fühlt. Bei jedem Schritt quatschen Deine Schuhe, und Dir ist klar, dass ein Hochmoor den Regen braucht, um ein Hochmoor zu sein und zu bleiben.

In den durchdringenden Modergeruch der verrottenden Moose mischt sich ein anderer Geruch, den Du nur aus Ställen oder dem Zoo kennst, und richtig: Auf der Wiese neben Dir, keine fünfzig Meter entfernt, und nur durch einen Bach von Dir getrennt erscheint eine Rotte von Bachen mit ihren Frischlingen - fast schon Überläufer - schemenhaft aus dem Nebel und durchwühlt auf der Suche nach Essbarem den Boden. Vor Dir, durch ein Loch in den Wolken hell angestrahlt (ihh, wie kitschig!), kreuzen zwei Rehe Deinen Pfad, und ein aufgescheuchter Hase hoppelt, die Blume eifrig schwenkend, gemächlich vor Dir den Weg entlang. Wenn sich jetzt noch ein Löwe zu den Schafen auf der Weide gesellt, weißt Du, wo Breughel das Motiv für das Paar in den elysischen Gefilden herhatte. Doch statt des Brüllen des Löwen hörst Du nur das gequälte Kreischen reißenden Metalls, wenn wieder einmal ein Auto die Kurve nicht geschafft hat.

Durch Vivians Wiegenlied mit Lothars tatkräftiger Unterstützung konnte aus dem toten, denaturierten Schwarzwald endlich wieder ein lebendiges, abwechslungsreiches, interessantes Biotop werden, das leider durch viel zuviele Straßen erschlossen ist. Wenn die gedankliche Verbohrtheit der Verantwortlichen immer eine Katastrophe benötigt, um beseitigt zu werden, dann wünsche ich dem Liebespaar Vivian und Lothar viele Nachkommen! Und denen können sie dann eine neue Strophe ihres Wiegenlieds singen:

“Bunt strebt der Wald und schreiet!”

Westweg - Etappe 2: Forbach -> Mummelsee (Vivians Wiegenlied, Teil 1)

Lothar war angetreten, das Lied zu vollenden, das Vivian sechs Jahre vorher begonnen hatte.

“Schwarz steht der Wald und schweiget.”

Vivian und Lothar, dieses grausamst zerstörerische , aber wichtigste Liebespaar des 20. Jahrhunderts, das zum Glück durch den größten Abgrund getrennt war, den es gibt: Die Zeit.

Die Zeit ist dazu da, dass nicht alles gleichzeitig geschieht.

Man stelle sich einmal vor, die beiden hätten ihre geballte Macht gemeinsam wirken lassen. Welch Chaos! Es wäre wahrlich einem Auftreten der apokalyptischen Reiter gleichgekommen.

Doch halt - muss das zum Schlechten sein? Steckt nicht in jedem Ende, in jeder Zerstörung ein Neubeginn?

“Schwarz steht der Wald und schweiget.” VERGISS ES! An diesem Satz stimmt nichts.

Du stehst auf dem Waldweg und freust Dich an der Aussicht, lässt Deinen Blick schweifen von Karlsruhe über die Vogesen bis hin nach Straßburg. Der wolkenlose Himmel, die klare Luft lassen Dich mit etwas Phantasie sogar die Alpen sehen. Nichts hindert Deinen Blick, hier steht nichts, alles liegt, bis auf wenige graue Riesen, die Lothar übrig gelassen hat, und die heute, all ihrer Äste und Nadeln beraubt, Bussard, Weihe und Kauz als Ansitz dienen. Specht und Kleiber haben ihre Höhlen hineingetrieben und damit auch dem Eichkater und den Siebenschläfern schöne Appartements und Penthäuser produziert.

Alles liegt, wie ein Mikado, das ein Riesenbaby geworfen hat, an dem es aber das Interesse verloren hat. Alles liegt, kreuz und quer, wegelos, planlos, doch sinnlos? Denn: Wenn Du genau hinsiehst, dann siehst Du die Pioniere, die sich ihren angestammten Platz wieder erobern: Die Kiefern, grün strotzend vor Kraft, die Eberesche, buschig sich ausbreitend, die Birken, ganz automatisch einen Hain bildend, ab und an immer noch eine Fichte oder Tanne, und dazwischen Ginster, Heidelbeere und Vogelmiere. Das, was nicht liegt, steht nicht, nein, es strebt nach oben, zum Licht, zur Sonne, zum Himmel. Schwarz ist hier nichts mehr, ganz im Gegenteil: Jede mögliche Schattierung von Grün ist zu finden, ganz hell die Blüten der Vogelbeere, über die mittelgrünen Nadelspitzen bis hin zum satten Grün und dinklen Rot der verschiedenen Buchenarten.

Dazu gibt es noch andere Farben: Das Blau des Eichelhähers, das Gelb des Pirols, das Rot des Rotkehlchens und das Schwarz der Amsel. Du streckst die Hand aus, um Dir selbst den Diamanten des Walds, den Eisvogel zu zeigen, der gerade aus dem Bachlauf aufgetaucht ist, und diese Einladung wird von einer Prachtjungfer angenommen, sie labt sich an dem Salz, das sie auf Deinem Zeigefinger findet, und gleich kommt eine Drosophila, auch um sich zu laben, was Dich in das Dilemma stürzt, Dich weiter an der Libelle zu erfreuen oder sie zu verscheuchen, indem Du die Mücke klatschst.

Der Abend naht, das Wetter wird schlechter, morgen geht es weiter.

Westweg - Etappe 1: Pforzheim -> Forbach

Wanderer “Kreuziget ihn! Kreuziget ihn!”
Chor “Wanderer, sage uns, wen wir kreuzigen sollen!”
Wanderer “Denjenigen sollt ihr kreuzigen, der diese Wanderung ausgearbeitet hat!”
Chor “Und weshalb sollen wir ihn kreuzigen?”
Wanderer “Weil er eine Etappe ausgearbeitet hat, die über 40 Kilometer lang ist!”
Chor “Was ist daran so schlimm? Das hast Du doch vorher auch schon gemacht!”
Wanderer “Er hat aber übersehen, dass diese Strecke auch 1.500 Höhenmeter einschließt!”
Chor “Dann ist Dein Wunsch verständlich. Kreuziget ihn! Kreuziget ihn!”
Wanderer “Doch wartet, mir ist da etwas eingefallen…”
Chor “Was willst Du denn noch? Langt es Dir denn nicht, dass wir den Verantwortlichen kreuzigen lassen?”
Wanderer “Aber das ist es ja gerade! Das bin ich selbst, und ich will nicht mehr, dass ihr jemanden kreuzigt!”
Chor “Du willst damit sagen, dass Du dann nicht Gerechtigkeit willst, wenn es Dich selbst betrifft? Du willst ein Recht, das Unterschiede macht? Und wer soll in entscheiden, wem das Recht auf eine andere Auslegung zusteht? Und wer soll das Recht jeweils definieren?”
Wanderer “Ich weiß es nicht, aber vielleicht wird es einmal jemanden geben, der etwas sinnvolles dazu ausrichten wird. Vielleicht ist es ja auch ein Nachfahre von jemandem, den man nicht gekreuzigt hat, obwohl ein Anderer es verlangt hat.”
Chor: “So sei es denn. Du wirst nicht gekreuzigt, und wir hören nicht mehr auf jeden, der dahergelaufen kommt.”

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Mal im Ernst: Die erste Etappe von Pforzheim nach Forbach macht schon Sinn, denn man kann den Wagen in Karlsruhe abstellen, von dort mit der Bahn nach Pforzheim fahren, die Wanderung nach Forbach machen und dann mit der Stadtbahn nach Karlsruhe zurückfahren.

Aber sie geht halt über mehr als 40 Kilometer, und das ist kritisch. Vor allem, wenn man auch noch die Höhenmeter mit einkalkuliert. Und die letzten sechs Kilometer, denn auf diese Entfernung bewegt man sich von 954 Metern bis hinunter auf knapp dreihundert. Das geht gewaltig in die Knochen und vor allem auf die Knie.
Bis zur Wilhelmshöhe läuft man durch eine moderne Kulturlandschaft, also durch die Stadt Pforzheim, Gewerbegebiete, Vororte, Randgebiete und Dörfer. Dann aber beginnt ein langsamer aber stetiger Anstieg, der immer steiler wird, und der einen schließlich hinauf auf den Dobel befördert. Von da an hat man das Schlimmste hinter sich gebracht, von jetzt an geht es nur mit geringen An- oder Abstiegen über fast 20 Kilometer durch eine herrliche typische Schwarzwaldlandschaft. Wiesen und Wald wechseln sich ab, ab und zu kommt man an einer Hütte oder einer Schanze (also einer ehemaligen Befestigung) oder einer Schanze (zum Skispringen) vorbei.

Egal zu welcher Zeit man wandert, man ist bis auf einen Umkreis von 500 Meter um Parkplätze herum immer alleine im Wald, andere Wanderer sind sehr selten. Und alle Leute, die vor ihren Häusern stehen oder die Straße fegen oder denen man begegnet grüßen freundlich zurück. Oder fangen ein Gespräch an. Später kommt man auf dieser Etappe in die Ausläufer der Spuren, die Lothar und Vivian hinterlassen haben (dazu an anderer Stelle mehr), und man wird sich der Urgewalten gewärtig, denen man in der Natur gegenübersteht. Besonders deutlich wird einem das natürlich, wenn man die Gegend vor und nach Lothar kennt, und wenn man einen so markanten Punkt wie den Hohlohturm (oder besser Kaiser-Wilhelm-Turm) als Anhaltspunkt hat. Dieser Turm wurde ca. 1900 gebaut, als der Schwarzwald gerade begann, sich vom Raubbau der verschiedenen Besatzer zu erholen (besonders Napoleon war Gift für den Wald). Die wenigen Illustrationen und Aufnahmen aus der Bauzeit zeigen einen Wald, der den Namen noch nicht verdient, der gerade einmal drei oder vier Meter hoch aufragt. Und dann wurde der Turm - parallel zum Wachstum der Bäume - zweimal erhöht, weil man sonst nichts mehr gesehen hätte. Tannen und Fichten werden nun einmal hoch. Bis 1995 Lothar kam und dem Spuk ein Ende setzte, indem er den kompletten Wald rund um den Turm herum zu Klein- oder besser Totholz machte. Der Turm steht heute alleine auf einer kleinen Anhöhe, ein paar Pionierbäume (Birken, Haselnuss, Linde, Büsche) erobern sich langsam aber sicher die Gegend wieder, durch die Umstellung der Waldwirtschaft von Turbo-Holzerzeugung hin zu natürlichen Mischwäldern ändert sich der Charakter des Schwarzwalds - zumindest in dieser Gegend - wieder hin zu dem, was er früher einmal war. Indizien für dieses frühere Aussehen in Form von uralten, gigantischen und hoffentlich geschützten Buchen und Eichen sind im Übrigen in der Gegend von Wieden in der drittletzten Etappe zu finden.

Leider darf man heute wegen des Naturschutzgebietes “Hohlohsee” den ehemaligen Weg um die beiden Seen herum nicht mehr gehen, hier bietet sich dem Auge ein absolut einmaliges Naturschauspiel. Egal zu welcher Tages- und Nachtzeit. Ich hatte das Glück, diese Gegend über rund zwanzig Jahre zu jeder Jahreszeit erleben zu dürfen, zu jeder Uhrzeit, und bei jedem Wetter, es ist immer wieder ergreifend und einen Umweg wert. Selbst wenn man also einen Weg doppelt gehen muss, wenigstens der Abstecher zum großen Hohlohsee (den man noch sehen darf) lohnt sich auf alle Fälle.

Vom Hohlohsee geht es dann über die Prinzenhütte (”Was stehdn do? Prinzehüdde, neunhunderdvierefünfzig Mäder über dem Mähr. Gugge mol, do schlohfe se noch. Solled mer se aufwegge?”) hinunter ins Murgtal. Achtung: Wer nicht so ganz die besten Kniegelenke hat sollte sich VIEL Zeit für diese Strecke nehmen, es geht auf fünf Kilometern knapp 650 Meter hinunter. Zum Glück endet diese lange Eintagesetappe direkt am Bahnhof, so dass man sich einfach in die Stadtbahn nach Karlsruhe fallen lassen kann. Oder. wenn man weiterlaufen will, in eines der vielen kleinen Hotels oder eine der Pensionen.

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