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10.6.2004 von Hubs.
Der Nebel, oder besser gesagt die Wolken um Dich herum verhindern den Blick in die Täler, sie lassen Dich die Umwelt nur erahnen, Du merkst, wie sehr Deine Wahrnehmung auf der Sicht beruht, wie reduziert die anderen Sinne sind. Und doch kommen die Geräusche zu Dir: Das Klatschen der Tropfen auf dem nassen Waldweg, das Knacken und Knuspern der Knospen, die gerade dabei sind, sich zu öffnen, das Plätschern des Bachs neben Dir, das Wispern und Wimmern der Bäume, das Bollern und Quietschen der Motorräder und das anschließende Wummern des Rettungshubschraubers.
Und wenn Du ganz genau hinhörst, dann kannst Du sogar das Rammeln des Borkenkäfers in seiner Rammelstube hören. Über allem, als konstante Begleitung, der Gesang und Streit der Amseln. Hin und wieder das charakteristische KRI KRI des Schwarzspechts, der sich durch Dich in seiner Ruhe gestört fühlt. Bei jedem Schritt quatschen Deine Schuhe, und Dir ist klar, dass ein Hochmoor den Regen braucht, um ein Hochmoor zu sein und zu bleiben.
In den durchdringenden Modergeruch der verrottenden Moose mischt sich ein anderer Geruch, den Du nur aus Ställen oder dem Zoo kennst, und richtig: Auf der Wiese neben Dir, keine fünfzig Meter entfernt, und nur durch einen Bach von Dir getrennt erscheint eine Rotte von Bachen mit ihren Frischlingen - fast schon Überläufer - schemenhaft aus dem Nebel und durchwühlt auf der Suche nach Essbarem den Boden. Vor Dir, durch ein Loch in den Wolken hell angestrahlt (ihh, wie kitschig!), kreuzen zwei Rehe Deinen Pfad, und ein aufgescheuchter Hase hoppelt, die Blume eifrig schwenkend, gemächlich vor Dir den Weg entlang. Wenn sich jetzt noch ein Löwe zu den Schafen auf der Weide gesellt, weißt Du, wo Breughel das Motiv für das Paar in den elysischen Gefilden herhatte. Doch statt des Brüllen des Löwen hörst Du nur das gequälte Kreischen reißenden Metalls, wenn wieder einmal ein Auto die Kurve nicht geschafft hat.
Durch Vivians Wiegenlied mit Lothars tatkräftiger Unterstützung konnte aus dem toten, denaturierten Schwarzwald endlich wieder ein lebendiges, abwechslungsreiches, interessantes Biotop werden, das leider durch viel zuviele Straßen erschlossen ist. Wenn die gedankliche Verbohrtheit der Verantwortlichen immer eine Katastrophe benötigt, um beseitigt zu werden, dann wünsche ich dem Liebespaar Vivian und Lothar viele Nachkommen! Und denen können sie dann eine neue Strophe ihres Wiegenlieds singen:
“Bunt strebt der Wald und schreiet!”
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9.6.2004 von Hubs.
Lothar war angetreten, das Lied zu vollenden, das Vivian sechs Jahre vorher begonnen hatte.
“Schwarz steht der Wald und schweiget.”
Vivian und Lothar, dieses grausamst zerstörerische , aber wichtigste Liebespaar des 20. Jahrhunderts, das zum Glück durch den größten Abgrund getrennt war, den es gibt: Die Zeit.
Die Zeit ist dazu da, dass nicht alles gleichzeitig geschieht.
Man stelle sich einmal vor, die beiden hätten ihre geballte Macht gemeinsam wirken lassen. Welch Chaos! Es wäre wahrlich einem Auftreten der apokalyptischen Reiter gleichgekommen.
Doch halt - muss das zum Schlechten sein? Steckt nicht in jedem Ende, in jeder Zerstörung ein Neubeginn?
“Schwarz steht der Wald und schweiget.” VERGISS ES! An diesem Satz stimmt nichts.
Du stehst auf dem Waldweg und freust Dich an der Aussicht, lässt Deinen Blick schweifen von Karlsruhe über die Vogesen bis hin nach Straßburg. Der wolkenlose Himmel, die klare Luft lassen Dich mit etwas Phantasie sogar die Alpen sehen. Nichts hindert Deinen Blick, hier steht nichts, alles liegt, bis auf wenige graue Riesen, die Lothar übrig gelassen hat, und die heute, all ihrer Äste und Nadeln beraubt, Bussard, Weihe und Kauz als Ansitz dienen. Specht und Kleiber haben ihre Höhlen hineingetrieben und damit auch dem Eichkater und den Siebenschläfern schöne Appartements und Penthäuser produziert.
Alles liegt, wie ein Mikado, das ein Riesenbaby geworfen hat, an dem es aber das Interesse verloren hat. Alles liegt, kreuz und quer, wegelos, planlos, doch sinnlos? Denn: Wenn Du genau hinsiehst, dann siehst Du die Pioniere, die sich ihren angestammten Platz wieder erobern: Die Kiefern, grün strotzend vor Kraft, die Eberesche, buschig sich ausbreitend, die Birken, ganz automatisch einen Hain bildend, ab und an immer noch eine Fichte oder Tanne, und dazwischen Ginster, Heidelbeere und Vogelmiere. Das, was nicht liegt, steht nicht, nein, es strebt nach oben, zum Licht, zur Sonne, zum Himmel. Schwarz ist hier nichts mehr, ganz im Gegenteil: Jede mögliche Schattierung von Grün ist zu finden, ganz hell die Blüten der Vogelbeere, über die mittelgrünen Nadelspitzen bis hin zum satten Grün und dinklen Rot der verschiedenen Buchenarten.
Dazu gibt es noch andere Farben: Das Blau des Eichelhähers, das Gelb des Pirols, das Rot des Rotkehlchens und das Schwarz der Amsel. Du streckst die Hand aus, um Dir selbst den Diamanten des Walds, den Eisvogel zu zeigen, der gerade aus dem Bachlauf aufgetaucht ist, und diese Einladung wird von einer Prachtjungfer angenommen, sie labt sich an dem Salz, das sie auf Deinem Zeigefinger findet, und gleich kommt eine Drosophila, auch um sich zu laben, was Dich in das Dilemma stürzt, Dich weiter an der Libelle zu erfreuen oder sie zu verscheuchen, indem Du die Mücke klatschst.
Der Abend naht, das Wetter wird schlechter, morgen geht es weiter.
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